47thpotus

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Therapeutische Unterversorgung – Psychisch kranken Menschen wird nicht geholfen

Wenn sich ein prominenter Mensch wie Robert Enke das Leben nimmt, ist das Thema „Depressionen“ für kurze Zeit in aller Munde.

Wenn schwere Fälle von Kindesmisshandlung öffentlich werden oder Unglücke geschehen, wenn über traumatisierte geflüchtete Menschen berichtet wird, hört und liest man von Traumafolgestörungen wie der Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS).

Experten betonen die Notwendigkeit psychotherapeutischer Hilfe. Sie forderten die Betroffenen dazu auf, ihre Scham zu überwinden und sich Hilfe zu holen. Sich an „Experten“ zu wenden.

Ich bin betroffen und ich versuche schon sehr lange, mich an Experten zu wenden. Ich benötige dringend Hilfe. Erhalten tue ich sie nicht, weil große Teile Deutschlands therapeutisch unterversorgt sind.

Ich leide an einer komplexen PTBS und es geht mir sehr schlecht. Ich habe sehr lange darum gekämpft, meine Arbeitsfähigkeit zu erhalten. Mein psychischer und körperlicher Zustand hat sich jedoch im Laufe der Zeit so stark verschlechtert, dass ich im Februar 2016 vollends zusammengebrochen bin. Seitdem bin ich arbeitsunfähig, neben der komplexen PTBS wurde eine Erschöpfungsdepression diagnostiziert. Es geht nichts mehr.

Vor einigen Jahren habe ich schon einmal eine Verhaltenstherapie gemacht, die mich zumindest stabilisiert hat. Irgendwann waren die genehmigten Stunden jedoch ‚ausgelaufen‘. Während ich auf weitere Stunden gewartet habe, hat mein damaliger Therapeut seine Praxis aufgegeben.

Nach langer Suche und noch längerer Wartezeit, konnte ich dann endlich wieder eine neue Therapie beginnen, diesmal bei einem Psychoanalytiker. Im Sommer letzten Jahres musste ich diese jedoch abbrechen, weil das Vorgehen und das Verhalten des Therapeuten für mich sehr schädlich waren und Gespräche keine Klärung herbeiführen konnten. So etwas passiert, manchmal passt es einfach nicht.

Von den genehmigten Stunden war damals noch ein Großteil übrig. Eine Nachfrage bei der Krankenkasse ergab, dass ich die Stunden zu einem neuen Therapeuten, der jedoch ebenfalls Analytiker sein müsste, mitnehmen könnte.
Ich habe dann tatsächlich einen Analytiker gefunden und hatte ein gutes Gefühl. Angekündigte Wartezeit: 6 Monate.

Das war vor 11 Monaten. Ich habe mich auf die Zusage verlassen, alle zwei bis drei Monate nachgefragt und zunächst nichts weiter unternommen. Damit habe ich erst vor einem Monat wieder begonnen, als ich einmal mehr  eine knappe Antwortmail erhielt:
„Sehr geehrte Frau X,
Sie stehen auf meiner Warteliste, ich kann einen Therapiebeginn leider noch nicht absehen, melde mich aber dann.
MfG
X“

Nun habe ich von der Krankenkasse erfahren, dass die genehmigten Stunden bereits nach 6 Monaten verfallen waren. Das bedeutet, dass die abgebrochene Therapie als beendet gilt.

Im Klartext: Es ist nicht möglich, in dem vorgegebenen Zeitraum einen neuen Therapieplatz zu finden, und weil man keinen findet, verfallen zur Strafe die genehmigten Stunden.

Das ist Irrsinn.

Will man die psychotherapeutische Richtung wechseln (z. B. von der Analyse zur Verhaltenstherapie), muss dies aufwändig beantragt und von einem Gutachter genehmigt werden. Zwei Therapeutinnen, die ich erreichen konnte, haben dies schon abgelehnt, weil das Verfahren sehr arbeitsintensiv sei und häufig negativ beschieden würde.

Andere Therapeuten bieten keine Traumatherapie an oder führen nicht einmal Wartelisten. Weil sie einfach zu überlaufen sind.

Wieder andere haben keine Telefonsprechzeiten und auf dem AB hinterlassene Anfragen werden nicht beantwortet.

Selbst in Universitäts- und Klinikambulanzen muss man eine Wartezeit von mindestens 6 Monaten in Kauf nehmen. In der nächst größeren Stadt gibt es zwar eine Krisenstelle, als Nicht-Bürger erhält man dort jedoch keinen Termin.

Kurz zusammengefasst:
Ich habe keinen Platz bei einem Analytiker gefunden, deshalb sind die genehmigten Stunden verfallen.
Ein Wechsel der Therapierichtung muss aufwändig begutachtet werden und viele Therapeuten scheuen das Verfahren.
Selbst wenn ich einen Therapieplatz fände, könnte ich nicht sicher sein, dass er von einem Gutachter genehmigt würde.

Noch kürzer:
Ich bin krank.
Keiner hat Kapazitäten frei, mir zu helfen.
Das wird sanktioniert.

Ich bin selbst schuld.

Und ich habe keine Kraft mehr.

#helptalkingabout

Jeder Mensch kann helfen!

Der Suizid von Chester Bennington und der Skandal um die Regensburger Domspatzen beherrschen die Medien und werden in den sozialen Netzwerken betroffen diskutiert.

Im Fall der Domspatzen werden die Täter größtenteils verurteilt. Es gibt jedoch noch immer Menschen, die diese furchtbaren Taten relativieren und verharmlosen, wie etwa Frau von Thurn und Taxis. Das ist kontraproduktiv und demütigt die Betroffenen ein weiteres Mal.

Häufig werden die Misshandlungen darüber hinaus zur Untermauerung der eigenen politischen und/oder religiösen Meinung missbraucht. Auch das hilft niemandem, die Opfer bleiben allein, sind lediglich Mittel zum Zweck.

Der Suizid von Chester Bennington, der in seiner Kindheit ebenfalls (sexuelle) Gewalt erleben musste und unter Depressionen litt, erschüttert die Musikgemeide. Wieder einmal kursieren gut gemeinte Ratschläge in den Netzwerken: „Holt euch doch bitte Hilfe, wenn ihr unter Depressionen oder Suizidgedanken leidet!“ „Bleibt nicht alleine!“ „Redet über eure Probleme!“

Wir, die wir in unserer Kindheit Gewalt erlebt haben, sollen unser Schweigen brechen. Heißt es. Das sei gut für uns. Heißt es. Und heilsam.

Wir, die wir in unserer Kindheit Gewalt erlebt haben, sind deine Familienangehörigen, Freunde, Arbeitskollegen und Chefs. Wir sind deine Nachbarn. Und Kinder.
Wir wurden geschlagen, gedemütigt und sexuell misshandelt. Wir wurden gemobbt und ignoriert, vernachlässigt und bedroht. All das hat Spuren hinterlassen. Gewalt vergisst man nicht.

Als Kinder durften wir nicht reden. Wir hatten Angst, wir schämten uns, fühlten uns schuldig. Wir mussten die Täter schützen. Häufig, weil wir sie brauchten. Sie liebten.

Heute, als Erwachsene, haben wir mit den Folgen unserer Erfahrungen und den Folgen des Schweigens zu kämpfen. Wir leiden unter Depressionen, Ängsten, Belastungsstörungen, Süchten und anderen psychischen und physischen Erkrankungen.

Wir müssen das Schweigen brechen, um das Erlebte zu verarbeiten. Ich glaube jedoch, dass das in Deutschland noch nicht möglich ist. Kaum jemand möchte damit belästigt werden. Zumindest nicht im persönlichen oder beruflichen Umfeld. Als Erwachsener riskiert man seinen „guten Ruf“, sein Ansehen, seine Karriere und Glaubwürdigkeit, wenn man erlebte Gewalt oder daraus resultierende psychische Erkrankungen thematisiert. Man verliert den Respekt seiner Mitmenschen, riskiert Gehaltseinbußen und Getuschel.

Bricht man sein Schweigen, wird man darauf reduziert, ein Opfer zu sein. Fähigkeiten und Qualifikationen verblassen. Jemanden als Opfer zu bezeichnen ist nicht nur in der Jugendsprache eher eine Beleidigung als eine Bekundung von Mitgefühl. Opfer sind schwach. Sie werden als wehleidig wahrgenommen.

Misshandlung ist und bleibt ein persönlicher Makel. Menschen sind peinlich berührt, wenn sie davon erfahren. Man redet noch immer nicht über „so etwas“. Gewalt wird bagatellisiert. Auch von Betroffenen. Zwangsläufig.

All dies lässt uns einsam bleiben, weil wir einen wichtigen Teil von uns verbergen müssen. Weil uns niemand wirklich kennt.

Das Leugnen und Bagatellisieren von Gewalterfahrungen macht eine nachhaltige Präventionsarbeit und Hilfe unmöglich. Wir müssen ehrlich zu unseren Kindern sein. Wir müssen sagen dürfen: „Es ist furchtbar, was du erlebt hast. Mir ist das auch passiert. Ich weiß wie du dich fühlst und ich helfe dir.“ Es ist nicht möglich, misshandelten Kindern und Jugendlichen ihre Scham zu nehmen, wenn erwachsene Betroffene sich weiterhin verstecken müssen.

Du fragst dich, was das mit dir zu tun hat?
Du bist selbst nicht betroffen und du kennst auch niemanden, der es ist?

Du siehst uns nur nicht.

Eine nachhaltige Bekämpfung von Gewalt gegen Kinder ist nur möglich, wenn wir alle ehrlich und respektvoll mit dem Thema umgehen und die Folgen von Gewalt benennen und anerkennen.

Deshalb bitte ich dich:

  • Mache das Problem öffentlich und hilf so, das Schweigen zu brechen.
  • Teile diesen Artikel auf Twitter und Facebook und diskutiere ihn.
    #helptalkingabout
  • Poste deine eigenen Erfahrungen und Gedanken hier (unter „Eigene Erfahrungen“, oben auf der Seite) oder bei Twitter (#helptalkingabout).
    Warum unterstützt du diese Kampagne?
    Schweigst du selbst oder müssen es Menschen, die du kennst? Und warum? Was befürchten sie? Was befürchtest du?
    Hast du dein Schweigen bereits gebrochen? Wie haben deine Mitmenschen reagiert? Was ist passiert?
  • Sei mutig.
  • Frage nach, wenn jemand etwas andeutet. Sei parteiisch. Zeige Verständnis und Interesse.
  • Höre zu und hinterfrage deine eigenen Gedanken und Gefühle.
  • Sprich mit deinen Freunden, mit deiner Familie über das Thema. Rege einen Dialog an, diskutiere.

Tim Roth, ein britischer Schauspieler und Überlebender von sexueller Gewalt, der mittlerweile in Amerika lebt, hat mal in einem Interview gesagt: “There’s a quality about life here [in America; Anmerkung der A.] where people talk more, even about issues that in Britain are considered very private. It’s absolutely wonderful for someone who’s been living down a dark hole.“

Was Roth über Großbritannien sagt, lässt sich eins zu eins auf Deutschland übertragen: Noch ist Misshandlung Privatsache. Ich glaube aber, dass wir von der amerikanischen Gesprächskultur lernen können.

Wir brauchen eine Kultur der Offenheit, eine Kultur des Sprechens und Zuhörens. Wir brauchen die Bereitschaft, einander zu verstehen und mitzufühlen.

Wir brauchen den Mut und das Interesse unserer Mitmenschen. Auch wenn die Auseinandersetzung mit diesem Thema sie vielleicht mit ihrer eigenen Schuld, ihrem eigenen Schmerz konfrontiert.

Und wir brauchen eine angemessene therapeutische Versorgung. Es gibt in Deutschland keine ausreichenden Hilfs- und Therapieangebote für Opfer von Traumatisierungen im Kindesalter. Die Initiative „Phoenix“ kämpft leidenschaftlich und fundiert für eine Verbesserung der katastrophalen Therapiesituation in Deutschland und wird dabei von vielen Experten und Betroffenen unterstützt.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, die sich diesem Thema gegenüber öffnet. Eine Gesellschaft, in der Überlebende ihr Schweigen brechen können.

Ich wünsche mir eine Gesellschaft, in der Gewalt an Kindern wirklich und von Herzen geächtet wird.

Trage dazu bei! Unterstütze die Kampagne!

Du kannst helfen.

Hannah (die aus den oben genannten Gründen noch zu viel Angst hat, ihren vollständigen Namen zu nennen und deshalb vorerst anonym bleiben möchte)